Spiegel Online berichtet unangenehm genüsslich vom (tiefen) Fall Aka-Aki, Sascha Lobo spricht im selben Medium über die momentan allgegenwärtige, weil fehlende ‚Kultur des Scheiterns‘ in Deutschlands. Gleichzeitig stellt sich Wirtschaftsminister Rösler der Startupszene im Rahmen der UdL Digital im BASE_camp und besucht zusammen mit der Kanzlerin die Spieleentwickler von Wooga, die zusammen mit SoundCloud und getamen.com, als die erfolgreichen Berliner Online-Gründungen herhalten dürfen. Natürlich, es ist Wahlkampf, aber auch das gehört zum Berufsbild von Politikern und dass Themen rund die Silicon Allee relevant genug für Stimmenfang und Vor-Ort-Präsenz sind, ist ja auch nicht das schlechteste Zeichen für den Standort.

Vielleicht ist es sogar endlich das Ende eines Hypes, der vom Wesentlichen ablenkt und seinen Fokus ja doch nur auf die üblichen Verdächtigen und ihre Schnauzbärte richtet. Vielleicht die Zeit, für etwas Kulturoptimismus und Chancen, die genutzt und nicht verpasst werden. Vielleicht wissen wir in der kommenden Woche mehr, wenn das inzwischen dritte Startup Camp Berlin* vom ECB (entrepreneursclub berlin) und dem jungen Bundesverband Deutsche Startups e.V. hoffentlich feierlich beendet wird.

Kleine und große Erfolge, kleines und großes Scheitern – dass kann ich nicht nur aus eigener Erfahrung behaupten – das ist auch in Deutschland und auch im deutschen Netz möglich, auch ohne, dass dabei ein Google, ein Facebook oder ein eBay entstanden ist. Wahr ist aber auch, dass Jammern auf hohem Niveau eine germanische Kernkompetenz ist, die von Medien und Politik auch noch als Demut schöngeredet geredet wird. Dabei macht sich das Land der Dichter und Denker kleiner als es ist und erstickt viele Potenziale im Keim.

Es gibt nicht nur in Berlin Investoren, die auf das nächste große Ding lauern, es gibt Wochenenden an denen sich hochbegabte Entwickler und Ideengeber zur Produktion von Applikationen treffen, Stammtische und Meetups für alle Facetten der Szene, unzählige seriöse Online-Medien (wie deutsche-startups.de), die jeden Tag Doings im positiven und Learnings im ebenfalls positiven Sinn präsentieren.

Wir brauchen keine „Kultur des Scheitern können“, sondern eine „Kultur des erfolgreich sein wollen“, des Lernens, eine Kultur des Gönnens und Anerkennens. Oft fehlt eine sachliche Sicht auf das, was ein Wirtschaftsstandort wie Deutschland, mit vor allem kreativen Ressourcen braucht und leisten kann, um den im Vergleich immer noch vorhandenen Wohlstand zu halten: Ausbildungsmöglichkeiten, ein flächendeckendes Netz als infrastrukturelle Großbaustelle und natürlich Fördermittel (dazu würde ich sogar ein vereinfachtes Steuerrecht zählen) gehören dazu.

Dass derzeit die Startup Szene boomt und die Gewerbeanmeldungen von Selbstständigen Höchstwerte erreichen, passiert oft noch trotz und nicht wegen des politischen Umfeldes. Im Gegenteil: das vorhandene Unternehmertum scheint der Politik einen Weg zu ebnen, in dem Potenzial und Relevanz neuer Geschäftsmodelle mit Zahlen belegbar geworden sind. Von einer solchen Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik kann und wird die gesamte Gesellschaft nur profitieren können, was pathetischer klingt als es ist.

Die Aufgabe ist klar, Karrieren verlaufen nicht stringent, weder thematisch noch örtlich und schon gar nicht firmengebunden. Der bislang etwas despektierlich beäugte Quereinstieg ist gesellschaftsfähig und -notwendig geworden (in großen Unternehmen genauso wie in kleinen Familien), Autos, Wohnungen, Schreibtische, Server, Mitarbeiter, Bücher, Wissen, Kompetenzen, Ideen werden on- und offline geteilt und nicht mehr als unantastbares Eigentum unter Verschluss gehalten. Das alles birgt Risiken. Na und?! Das alles birgt auch Chancen, zum Beispiel für Startups.

* Disclaimer:

Das dritte Startup Camp Berlin findet am 15. und 16. März in der Berlin School of Economics and Law (Badensche Straße 53, 10825 Berlin) statt.
Die letzten Tickets gibt es hier (15% Rabatt mit Ticketcode „BerlinUp“).
Gesucht werden aber auch noch Volontäre, die an einem Tag helfen und am anderen Tag Workshops, Session und Spirit aufsaugen, Mail an barbara@startupcampberlin 😉

Ich gehe mit gutem Beispiel voran und unterstütze die Organisatoren zum dritten Mal: mit Tatkraft am Freitag und einer Session am Samstag, die sich gewaschen haben wird …